Digitalisierungsstrategie

Digitalisierung für Anfänger: Episode 3 – Die Digitalisierungsstrategie

Wenn man die aktuell Berichterstattung über die Digitalisierung verfolgt, insbesondere hinsichtlich der Reaktion von Verantwortlichen aus traditionellen, mittelständischen Unternehmen, ist die prägend wahrgenommene Emotion oftmals – Angst! Man hört Aussagen wie „wir haben erkannt, dass die Digitalisierung wahrscheinlich kein kurzfristiger Trend ist“ oder „wir sind sicher, auch diese Entwicklung überstehen zu können“. Konsternierte Firmenpatriarchen, bedauernd aber tapfer, wirken wie die japanischen Generäle in den Godzilla Filmen, wenn das unvermeidliche Monster vor der Küste auftaucht. Als erster Gegenangriff taucht dann oftmals die Idee einer Digitalisierungsstrategie auf. Dieser Gedanke ist prinzipiell zwar nicht schlecht, in der Ausführung dafür aber oftmals umso schlimmer. Die Gründe dafür finden Sie in diesem dritten Ausflug in die Wunderwelt der Digitalisierung.

[Gerne wird die Digitalisierungsstrategie auch als Digitalstrategie bezeichnet. Dies ist zwar griffiger, sprachlich aber weniger präzise. Schließlich ist nicht die Strategie selbst digital, sondern ihr Handlungsrahmen die Digitalisierung.]

 

Eine Strategie unter Quarantäne

Generell ist der Vorsatz, dass sich ein Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie aneignet, zunächst einmal ein löblicher Gedanke. Er zeigt, dass man die Bedeutung der Thematik erkannt hat und bereit dazu ist, sich intern intensiv damit auseinanderzusetzen. Also halten wir fest: Eine Digitalisierungsstrategie zu haben, ist schon mal besser, als die Digitalisierung komplett zu ignorieren. Doch wo ist dann der Haken?

Das erste Problem ist: Betrachtet man die Digitalstrategie separiert von der Unternehmensstrategie, kann daraus schnell eine bewusste Abgrenzung werden, eine Teilstrategie unter Quarantäne.  Als würde tief im Herzen der Verantwortlichen doch noch die Hoffnung bestehen, dass diese Digitalisierung sich doch noch wieder verflüchtigt, und man die internen Digitalisierungsansätze schnell und schmerzfrei wieder entfernen kann. Für diese ambulante Blinddarmentfernung ist eine vollständige Integration der digital-orientierten Entwicklungsmaßnahmen in die bestehenden Strukturen natürlich hinderlich.

Und genau hier liegt der Stolperstein für die Wirksamkeit der Digitalisierungsstrategie – steht man dieser nur einen separierten Einflussradius zu, stellt man fast zwangsläufig sicher, dass auf eine Phase der mehr oder weniger kreativen Selbstbespaßung im Digitalbereich, keinerlei merkliche Wirkung auf das Geschäftsmodell folgt. Klingt bedingt clever, lässt sich jedoch in der Sinnlosigkeit noch steigern. Durch ein klar separiertes Projektteam zum Beispiel.

 

Erfolgreich abgeteilt

Denn gerne wird seitens der Geschäftsleitung im Regelfall ein Team definiert, welches die Digitalisierungsstrategie etablieren und umsetzen soll. Das ist zunächst einmal auch nicht per se unvernünftig, ist doch das Wissen und die Begeisterung für die Thematik in den meisten Unternehmen eher ungleich verteilt. Trotzdem verbirgt sich auch hier ein Risiko:

Die Zuteilung von Aufgaben zu Stellen und die Bündelung dieser Stellen ist zwar in einer arbeitsteiligen Organisation naheliegend, hat jedoch in der Vergangenheit immer wieder zu unerfreulichen Resultaten geführt.  So hat bspw. die Bildung der Abteilungen Vertrieb und Marketing dafür gesorgt, dass sich niemand sonst im Unternehmen mit dem Markt auseinandersetzen muss. Sie haben ja schließlich Wichtigeres zu tun, wie z. B. Budgets strikt einzuhalten, aber konsequent auszunutzen Da muss die Frage, inwieweit das eigene Handeln denn die Probleme des Kunden löst, schon mal hinten anstehen. Das Problem, dass Unternehmen erfolgreich strukturell und prozessual festlegen, welcher Mitarbeiter welche Themen konsequent ignorieren darf, ist also nicht neu.

Durch eine separierte Digitalisierungsstrategie, droht genau diesem Schlamassel ein Revival. Schnell wird aus den Verantwortlichen für die Digitalisierungsstrategie eine neue Abteilung, begleitet von der Idee, dass diese Personengruppe die Digitalisierung im Unternehmen verantwortet, und der Rest glücklicherweise davon unbehelligt bleibt. „Digitalisierung- das steht nicht in meiner Stellenbeschreibung!“

 

Die Digitalisierungsstrategie als Trojanisches Pferd

Aber zunächst einmal genug der Häme. Weder eine definierte Digitalisierungsstrategie noch ein eigenes „Digitalisierungsteam“ sind generell falsch oder schädlich. Es kommt jedoch auf die der Einführung zugrunde liegenden Maximen und Zielsetzungen ein.

Generell gilt: Unternehmen brauchen keine Digitalisierungsstrategie, sondern müssen die Digitalisierung als Teil ihrer Unternehmensstrategie verstehen. Längst sind digitale Wege der Kommunikation und Interaktion so fest in unseren persönlichen und wirtschaftlichen Handlungswelten verankert, dass eine separierte strategische Auseinandersetzung wenig Sinn stiftet. Es ist hierbei mit Sicherheit hilfreich, ein Expertenteam einzusetzen, welches abteilungsübergreifend die Digitalisierungsmaßnahmen initiiert und abteilungsspezifisch als Ansprechpartner bereitsteht. Hierbei darf es seitens der bestehenden Strukturen jedoch nicht dazu kommen, dass die Verantwortung für eine erfolgreiche Umsetzung der Maßnahmen zurückdelegiert wird.

Wird dieser, unausweichlichen, aber nicht immer gern gesehenen Wahrheit jedoch noch nicht die notwendige Beachtung geschenkt, eignet sich eine die Digitalisierungsstrategie sicherlich als Trojanisches Pferd, durch welches die unternehmensspezifischen Ideen zur Nutzung der Digitalisierung für das eigene Geschäftsmodell es durch die Mauern der Skepsis schaffen können.

Das Projektteam sollte sich dabei ein Vorbild an der „Besatzung“ des trojanischen Pferdes nehmen, und einen möglichst effektiven Weg finden, das Tor für diese Entwicklung zu öffnen. Dies bedeutet auch, sich nicht durch unnötige Grabenkämpfe aufreiben zu lassen, bevor die strategischen Zielsetzungen in der eigenen Organisation durch hilfreiche Veränderungen und erste Erfolge mehrheitsfähig sind. Gelingt dies, kann auch die massivste Festung des „brauchen wir nicht, geht schon wieder vorbei!“ zu Fall gebracht werden.

 

Weitere Artikel der Reihe:

Digitalisierung für Einsteiger: Episode 1 – Von falschen Gegensätzen und immensen Randgruppen 

Digitalisierung für Einsteiger: Episode 2 – Drei Gründe gegen Social Media 

Sebastian Reek

Sebastian Reek

Sebastian Reek M.A. ist Berater bei der Institut für Controlling Prof. Dr. Ebert GmbH.Er unterstützt Unternehmen verschiedener Branchen und Größenordnungen in den Themengebieten normatives und strategisches Management, Frühaufklärung und Risikomanagement, Personal- und Organisationsentwicklung sowie Reporting und Informationssysteme. Für den Qualification-Bereich der IFC EBERT ist er als Referent für die angesprochenen Themengebiete, sowie in der Entwicklung von Seminaren und Veranstaltungen tätig.
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