Raus oder rein? Ein Plädoyer zur Selbsterfahrung von Innovation

Ein exklusiver Digitaldienst(leister) für die Politik, ein Lab voller Digital Natives im hippen Berlin, Innovation mit „Hinz und Kunz“ oder doch lieber konzentriert im „Corporate“ des eigenen Forschungs- und Entwicklungslabors…? Die Antworten und Ideen auf die Frage, wie erfolgreiche Entwicklung im digitalen Zeitalter gelingt, sind vor allem eines: höchst divers. Über die Notwendigkeit einer „neuen Innovations- und Wagniskultur“ herrscht zwar, so auch auf dem mit diesem Titel überschriebenen diesjährigen nationalen Forschungsgipfel, weitgehend Einigkeit. Auch nach einer intensiven Diskussion bleibt jedoch offen, worin denn nun eigentlich Ziel bzw. Weg voneinander zu unterscheiden sind, um aus der erkannten Not und Debatte heraus eine wirklich strategische Agenda und konkrete Vorgehensmuster zu generieren.

Start-ups in aller Munde

Im Grunde ist es eine höchst positive Entwicklung: Die – nicht erst neuerdings – existierende Gründergeneration setzt sich aktuell breitenwirksam Szene. Und alle, die sich selbst als innovativ in Geist und Handeln bezeichnen, setzten sich gerne dazu. Denn Start-ups spiegeln, auch dann wenn die von ihnen betriebene Dienstleistung oder das kreierte Produkt einen höchst analogen Charakter haben, den digitalen Wandel gleichsam in Reinkultur. Der „normale“ Gründer bleibt dabei außen vor. Stattdessen wird eine Szene junger Kreativer in coolen Workspaces assoziiert, die ein besonders risikofreudiges, zukunftsorientiertes und vor allem Grenzen überwindendes Ethos verbindet – eben die gewünschte Innovations- und Wagniskultur. Für eine konkrete Unterstützung der die Start-ups kennzeichnenden neuartigen, finanzbedürftigen Geschäftsmodelle und vor allem eine nachhaltige Begleitung bei dem Erwachsenwerden ihrer Organisation reicht die Euphorie jedoch zu wenig aus.  Im Vergleich zum US-amerikanischen Mutterland ist sowohl die Förder- als auch die dauerhafte Erfolgsquote deutscher Start-ups erheblich im Rückstand.

Vom Modethema zur Verstetigung

Das Thema ist zu ernst, um als modischer Trend irgendwann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Vielleicht diskutieren wir allerdings auch von zu unterschiedlichen Ausgangspunkten her: Die Entwicklung einer neuen, anderen Kultur kann nicht die Antwort sein – auf nationale und internationale Rankings zu Digitalisierung, Bildung oder Innovation. Sie ist die vielmehr die Frage danach, wie Politik, Gesellschaft, Unternehmen, Institutionen und jeder Einzelne selbst sich zu positionieren und eigene Entwicklungsziele zu formulieren und zu realisieren vermag. Solange diese Umkehrung nicht gelingt, betrachten wir uns selbst als fremdgesteuert durch die Agenda globaler Trends, auf der die Digitalisierung vermutlich längst nach hinten gerutscht, weil Alltagsphänomen geworden ist.

Voneinander lernen und selbständig agieren

Die neue Aufmerksamkeit auf andere Formen des Arbeitens und der Kommunikation ist enorm wichtig und gut. Ein gegenseitiges „Beschnuppern“ wird jedoch nicht ausreichen. Womöglich greifen auch die Aktivitäten vieler Unternehmen zu kurz, die eine eigene digitale Szene für sich etablieren, entweder auf der grünen Wiese vor der eigenen Haustüre oder im „Lab“ des urbanen Coworking-Areals. Was wir aktuell in großem Maßstab betreiben, ist ein Kulturwandel aus zweiter Hand. Zu wenig genutzt wird dabei die Chance, komplett andere Wege und Antworten entstehen zu lassen. Das gerade aufkeimende neue Lernen voneinander, das Aufeinander Zugehen von Wirtschaft und Politik, der Austausch zwischen Jung und Alt, über Branchen und Betriebsgrößen hinweg ist eine nicht hoch genug zu schätzende und zu bewahrende gesellschaftliche Innovation dieser Zeit. Für eine maximale, grundlegende Veränderung in der Organisation braucht es jedoch einen ebenso grundlegenden, „disruptiven“ Wandel von innen heraus. Von „Draußen“ alleine kommen neue Perspektiven und Ideen. Die Kompetenz, damit umzugehen und passende eigene Antworten und Wege zu kreieren, entsteht jedoch erst im Austausch und Konflikt der Einstellungen, Werte und Verhaltensweisen innerhalb des jeweiligen Systems.

Anja Ebert-Steinhübel

Anja Ebert-Steinhübel

Dr. Anja Ebert-Steinhübel schult in offenen Seminaren, Workshops und Developmentprogrammen Fach- und Führungskräfte in den Bereichen Führungspsychologie und Kommunikation als selbständige Trainerin und Coach. Sie unterstützt Unternehmen im Change Management, insbesondere bei der Gestaltung und Implementierung von Strategie- und Organisationsentwicklungsprozessen und einer ganzheitlichen Bildungs- und Karriereplanung. Ihr Vortrags- und Publikationsspektrum umfasst konkrete Fach- wie allgemeine philosophische Themen zu Führung, Ethik,Lernen und Kommunikation. Dr. Anja Ebert-Steinhübel leitet das Learning Leadership Institute bei der IFC EBERT.
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