Neurowissenschaften

Alles neuro (2): Warum uns Wettbewerb klüger macht – oder auch nicht.

Ein Experiment mit Fruchtfliegen (aus dem Biologie-Unterricht vielleicht noch bekannt als Drosophila melanogaster) hat es gezeigt: Im künstlich erzeugten oder unterdrückten  Wettbewerb um paarungswillige Weibchen nimmt bei den konkurrenzlos agierenden Männchen die Lernfähigkeit deutlich ab. Und dies im Langzeitvergleich über 100 Fliegengenerationen hinweg. Muss daraus also gefolgert werden, dass monopolistische Strukturen dümmere Verhaltensreaktionen mit sich bringen und umgekehrt Wettbewerbssituationen eine größere Klugheit nach sich ziehen?

 

Das Gehirn IST Realität, wir SIND unser Gehirn

Das Beispiel macht das Dilemma der populären Neurowissenschaften offenbar: Aus Beschreibungen werden Begründungen abgeleitet, aus Ist-Analysen resultiert (vermeintliches) Verstehen. Das Gehirn IST Realität, wir SIND unser Gehirn, da sich alle bewussten und unbewussten Erkenntnisse (und Lernen bedeutet eben dies: die Verarbeitung von Erfahrungen in Wissen und neuen Handlungspotenzialen) letztlich auf physikalische und chemische Zustandsveränderungen in unseren Köpfen zurückführen lassen. Oder, wie dies der prominente Neurowissenschaftler Gerhard Roth formuliert: Unser Bewusstsein, also unser Wissen, dass und wie, wer oder was wir dabei sind, ist lediglich ein „emergenter Zustand“ eines hyperkomplexen, sich selbst immer wieder neu erfindenden Systems. Es bleibt weiter spannend, die Vielfalt der Neuroprozesse und -funktionen zu entdecken und räumlich und inhaltlich zuordnen zu können. Dennoch sind die Ableitungen aus diesem Wissen häufig falsch, weil schlicht zu trivial. Das Fliegenexperiment zeigte im Übrigen auch ähnliche Lernfortschritte bei den Weibchen, obwohl diese von der Konkurrenzsituation gar nicht tangiert waren. Sind Frauen also generell klüger als Männer? Nein, urteilten die (männlichen)Wissenschaftler: Sie waren dieser nur später, nämlich im Kampf um den Eiablageplatz mit ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen, ausgesetzt.

Festzuhalten bleibt: Wir sind also nicht(s) ohne unser Gehirn, – doch ist unser Gehirn auch nicht etwas ohne uns.  Unsere Motivation – nicht nur zum Lernen – wird im Gehirn zunächst unbewusst durch den Dopamin ausschüttenden und uns dadurch in einen euphorischen Zustand versetzenden Nucleus accumbens gesteuert. – In diesem Sinne: denken Sie einfach weiter und freuen Sie sich über jede neue Herausforderung, denn das hält Ihre Lernfähigkeit auf Trab!

Ihre Anja Ebert-Steinhübel

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