Digitalisierung nach gedacht

Der Megatrend Digitalisierung wandelt Gesellschaft, Geschäftsmodelle, Arbeitswelten und damit auch jedes einzelne Unternehmen. Doch welche Chancen und Risiken resultieren aus dieser Entwicklung? Wie können Unternehmen die Herausforderungen zum eigenen Vorteil nutzen? Hier bieten wir Ansichten, Anreize und Anleitungen für Ihren Weg in eine digitale Zukunft.

Social Media

Das Thema Digitalisierung beherrscht die aktuelle Diskussion im Bereich der Geschäftsmodelle, der Führung sowie der Unternehmenssteuerung wie kein Zweites. Dabei reichen die Reaktionen von der totalen Euphorie bis hin zur Prophezeiung der Apokalypse. Nur wirklich kalt lässt das Thema erfreulicherweise immer weniger Menschen. Wer sich diesem Phänomen mit einer gewissen Neugier nähert, läuft jedoch schnell Gefahr, durch fehlleitende Sprachgebilde – seien sie nun bewusst oder fahrlässig eingesetzt – hinsichtlich der Frage, wie das eigene Unternehmen mit dieser Digitalisierung umgehen soll, auf eine falsche Fährte gelockt zu werden. Dieser Blogbeitrag kann dabei helfen, die Dinge richtig einzuordnen.

 

Digitale und reale Welt

Wenn von den aus der Digitalisierung resultierenden Veränderungen gesprochen wird, verwenden viele Personen gerne das – vermeintliche – Gegensatzpaar „digital“ und „real“. Digital bezeichnet dabei dann die Entwicklungen und Möglichkeiten der „neuen digitalen Welt“, „real“ die bestehenden, greifbaren Gegebenheiten. Gefährlich wird dies, wenn man daraus nun ableitet, dass Dinge welche digital bzw. virtuell sind, dadurch eben nicht real sind. Diese Fehleinschätzung wird dann problematisch, wenn ein Unternehmen bspw. dringend benötigte Fachkräfte nicht gewinnen kann, da die Google Suche zum Unternehmen schnell die „Kununu“-Ergebnisse hinsichtlich der Arbeitgeberqualitäten aufzeigt, welche eine römische Galeere als vergleichsweise angenehmen Arbeitsplatz beschreiben. Oder eine Pizzeria sich über leer bleibende Tische wundert, während in den „TripAdvisor“-Bewertungen darauf hingewiesen wird, dass jede „Dr. Oetker“-Pizza den Arbeitsergebnissen des verantwortlichen Bäckers vorzuziehen ist (tatsächlich ein reales Beispiel) . In beiden Fällen ist die Plattform der Information zwar digital, die Auswirkungen auf die Zielgruppen zeigen sich jedoch bis in die realste aller ökonomischen Messgrößen – den Kontostand des Unternehmens.

Dinge die digital sind, können also durchaus gravierende Auswirkungen auf bestehende geschäftliche Sachverhalte haben. Und dies dummerweise sogar auch dann, wenn man für sich selbst bzw. für das eigene Unternehmen beschlossen hat, sich von all diesem digitalen Teufelswerk möglichst weit entfernt zu halten. Leider bleibt mir an dieser Stelle nichts anderes übrig, als einzugestehen, dass ich für „digital“ auch kein passenderes Antonym parat habe. Dies ist jedoch nicht wirklich schlimm, denn dieser ominöse Drang zur Abgrenzung des Digitalen vom Bestehenden sollte besser heute als morgen obsolet werden. Dem steht jedoch eine weitere Problemstellung entgegen:

Der Mythos „Netzgemeinde“

Dieses weitere kapitale Missverständnis-Potenzial liegt im leidigen Begriff der „Netzgemeinde“. Diese kirchlich anmutende Wortschöpfung wird zum Beispiel gerne dazu verwendet, wenn Moderations-Assistenten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zum Auffüllen der Sendezeit mit dem Vorlesen der – politisch korrekten – Twitter-Kommentaren zur Sendung beauftragt werden. Auch Politiker nutzen diesen Begriff gerne, wenn sie von ihren tapsigen Erkundungen des „Neulands“ berichten.

Wo das Problem dabei liegt? Der Begriff „Netzgemeinde“ suggeriert dem Betrachter bzw. Zuhörer, dass es sich hierbei um eine greifbare Randgruppe handelt, welche über eine überschaubare Mitgliederzahl verfügt, eine gemeinsame Interessenslage besitzt und zudem losgelöst von der vermeintlichen Wirklichkeit des Probanden in ihrer digitalen Blase agieren. Als wären die Nutzer des Internets im Allgemeinen und der Social Media Plattformen im Speziellen eine kleine Gruppe Sonderlinge, welche sich in einem lichtgeschützten Bunker an ihren Netzaktivitäten erfreuen und welche man als Neuling in der digitalen Welt zu besonderen Anlässen aufsuchen kann. Der Blick in Twitter als moderner Weg zum Orakel von Delphi.

Eine aus Sicht von Digital-Skeptikern sicher sehr charmante Abgrenzung von vermeintlich separierten Realitäten, welche jedoch nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte: So lag der Anteil der Internetnutzer in Deutschland – bemessen an der Gesamtbevölkerung – in 2015 bei fast 78 % (Quelle: Statista). Wenn Sie sich also einmal vorstellen, ihr deutscher Markt wäre ein kleines Dorf mit 100 Einwohnern, könnten Sie immerhin 78 Personen davon – natürlich dummerweise auf unterschiedlichsten Wegen und über unterschiedliche Plattformen – über digitale Kanäle erreichen. Eine doch ziemliche bedeutsame Randgruppe.
(Dass ein Dorf dieser Größe in Deutschland tatsächlich einen belastbaren Internetzugang hat, ist natürlich ein rein theoretisches Denkkonstrukt. Im Hinblick darauf, dass die neue „Digital“ -„Strategie“ der Bundesregierung primär darauf abzielt, die magentafarbene Kundenservice-Ikone des Netzbetriebs durch eine zweitklassige Technologie wieder zu einem erstklassigen Monopolisten zu machen (vgl. hierzu bspw. Thaele, J.: Warum Glasfaser der Vectoring-Technik haushoch überlegen ist), wird sich hieran leider auch mittelfristig nichts ändern.)

 

Die richtige Zielgruppenansprache

Es bleibt also festzuhalten, dass Unternehmen im Web keine überschaubare Gruppe an IT-Freaks begegnet, sondern die Mehrzahl der Bevölkerung, und damit auch die eigenen Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter. Verantwortliche, denen das nicht bewusst ist, agieren gerne mit besonderen Werbeaktionen und Ansprachen, ausschließlich für die „Netzgemeinde“. Im besten Fall gelingt hier ein Glückstreffer oder der Kommunikationsversuch verpufft zumindest wirkungslos. Dann ist nicht viel erreicht, aber immerhin auch nicht viel kaputt. Im schlechteren Fall mündet die fixe Idee, Webplattformen als Marketing-Versuchslabor zu verwenden, in denen man an auserwählten Probanden neue Ansprachen und Produkte erprobt, mit welchen man sich noch nicht an die Stammmärkte wagen möchte. Dieser naive Versuch, einen Gesichtsverlust des Unternehmens abzuwenden, mündet zumeist genau in diesem.

Natürlich gibt es auch das andere Extrem: Unternehmen, welche mit einem Minimal-Budget eine Online-Werbeanzeige schalten und nun hoffen, nur noch Minuten vor der Erschließung unermesslicher neuer Marktpotenziale zu stehen. Dies erinnert dann auf amüsante Art und Weise an Facebook-Neulinge, welche ihre 15 „Freunde“ täglich mit „Guten Morgen Welt!“ begrüßen. Was nicht bedeutet, dass Online-Marketing zwangsläufig teuer sein muss. Doch erst wenn die Erkenntnis gereift ist, dass die Netzgemeinde eben nicht DIE Netzgemeinde ist, sondern vom Kleintierzüchter-Forum, über Sushi-Blogs bis zur Aufsichtsrats-Community reicht, kann der nächste Schritt erfolgen: Eine aktive Auseinandersetzung mit den wirklichen relevanten Zielgruppen. Aber das ist genug Stoff für eine ganz neue Geschichte.

 

digital

Warten Sie noch, oder sind Sie schon mitten drin? The turn is already on: die schöne, neue Welt der digitalen Kommunikation, der Permanent-Modus, für den manche gar keinen Knopf zum Abschalten mehr entecken. Im fließenden Übergang zwischen realen und virtuellen Gegenständen, Räumen und Applikationen interagieren wir ganz selbstverständlich zeit- und grenzübergreifend mit- und übereinander und erleben damit ganz nebenbei eine neuen Sprung in der Zeitrechnung unserer sozialen Kommunikation. Das Digitale dreht und verändert alles, und scheint doch gleichzeitig schon ganz normal.

Digitalisierung ist ein Megatrend, digitale Themen sind gerade en vogue. Keine politische, wirtschaftliche oder kulturelle Veranstaltung kommt an dem Begriff vorbei, keine strategische Überlegung darf darüber hinweg. Die Gruppe der digital thinkers und actors präsentiert sich jedoch sehr uneinheitlich. Neben den eher technologisch orientierten Fans der Economy 4.0 stehen die Hipster der Thinktanks, New Work u.a. Initiatitven und die Auguren des fundamentalen Wandels neben den kritischen Warnern und Reglern des Systems. Was alle gerne übersehen ist: der turn ist unumkehrbar, für eine Entscheidung für oder gegen Digitalisierung ist es längst zu spät.

 

Die Digitalisierung als Treiber der Veränderung

Wie also gelingt es, den turn in die richtige Richtung zu treiben, in welcher Weise ihn zu nutzen, um die Probleme und Herausforderungen unserer nationalen und globalen Gesellschaft besser lösen zu können? Digitalisierung ist Agent und Ergebnis des Wandels zugleich. Um smarte Lösungen zu produzieren, sind daher zugleich smarte, d.h. intelligente und über den Tellerrand hinausblickende Gestalter dieses Treibens gefragt. Being digital ist jedoch kein Selbstzweck, sondern neues Spielfeld und Medium, das verantwortungsbewussten und selbstbestimmt genutzt werden muss – von der Erziehung bis zur Gesundheit, von der Technik bis zur Politik. Der digital turn mutiert zur Helix, zur Veränderungsspirale, die uns alle tangiert und inspiriert oder aber zurückbleiben lässt, wenn wir die Geschwindigkeit und Intensität nicht aufzunehmen wissen, verlautete kürzlich im Rahmen einer prominent besetzten Podiumsdiskussion auf der gleich benannten Themenwoche in Berlin. Einige wunderbare Beispiele, wie dies in Strategien der Differenzierung, Vielfalt und Kooperation münden kann, gab es auch: Neben MOOCs für Menschen ohne klassische Zugangschancen oder der – einer Guerillataktik nicht unähnliche – Initiierung organisatorischer und institutioneller Veränderungen durch extraterritoriale Aktions- und Innovationsräume stand neben der Forderung einer frühen Grundversorgung unserer Erziehungssysteme mit digitaler Infrastruktur das Bild des an der Schiefertafel dozierenden Mathematikprofessors als lebenswertes Gegenmodell im Raum.

Nachhaltig und sinnvoll sind die neuen entgrenzten Daten-, Informations-, Wissens- und Orientierungsräume nur dann, wenn in ihnen unterschiedliche Dynamiken gleichzeitig (gerade dies ist die Neuerung) und gleichranging auch möglich sind. Sonst wird die Chance zum Verstehen verschleiert, die Möglichkeit zur Gestaltung verwehrt. Digitalisierung schließt das Analoge immer zugleich mit ein, wirkt niemals eindimensional, sondern wird im besten Fall als integrierender und immer auch differenzierender Faktor zur Entwicklung zukunftsfähiger Modelle unseres Zusammenlebens und –arbeitens genutzt.

The digital turn is disruptive, formative and always challenging – make it turn the right way!

Digitale Kanäle

Der Tisch ist gedeckt, der Kuchen bäckt im Ofen, jetzt nur noch die Küche aufräumen, duschen und anziehen… da klingelt es schon an der Türe: Der Besuch ist schon da. Deutlich zu früh. Deutlich zu zahlreich. Deutlich verändert. Und deutlich zu präsent. So wie mit diesem Besucher scheint es aktuell vielen Entscheidungsträgern in den Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen zu gehen, die sich mit bestem Gewissen auf das Eindringen der digitalen Phänomene in ihre Welt wappnen, während diese bereits weiträumig eingezogen sind. Besucher, Mitbewohner oder Dauergast? Der Umgang mit Digitalisierung offenbart alle Varianten und Möglichkeiten. Immer jedoch und ab sofort auf Dauer angelegt, und nicht nur auf Zeit.

Die eigene digital readiness erkennen

Deshalb muss das Zusammenleben gestaltet werden. Und es benötigt akzeptierte Regeln, um die unterschiedlichen Stile der analogen und digitalen Parteien zu integrieren. Im Idealfall resultieren daraus eine neue (Wohn-)Kultur sowie Chancen und Möglichkeiten für eine bessere ökonomische und soziale Performanz. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft wird jedoch bei keiner Organisation mehr erst lange klingeln oder gar klopfen und lässt sich schon gar nicht auf umständliche Vertragsverhandlungen ein. Das muss man wissen, wenn man über die eigene Gastfreundschaft oder „digital readiness“ reflektiert. Wenngleich es sich bei vielen so anhört, als sprächen sie dabei über die Einführung von Aufzügen, Kaffee(voll)automaten oder Produktionsanlagen, die zwar die üblichen Prozesse erleichtern, nicht jedoch wesentlich in Frage stellen. Dies ist der Kurzschluss: Digitalisierung beinhaltet alle Ebenen der technischen Innovation. Sie erschließt sich jedoch nicht darin. Dass unsere Kommunikation immer zugleich analog und digital dimensioniert ist, formulierte Paul Watzlawick vor über 50 Jahren als unumstößliches Gesetz. Die Komplexität und Ubiquität der Interaktion dieser beiden Ebenen jedoch ist eine Folge ihrer neuartigen virtuellen technologischen Qualität.

Digitale Kanäle: Neue Möglichkeiten der Kommunikation

Deshalb bedeutet die digitale Transformation nicht nur ein Mehr an Möglichkeiten, sondern eine komplett neue und andere Form und Funktion der zwischenmenschlichen und organisationalen Kommunikation und Kooperation. Die digitale, überall und gleichzeitig auf unterschiedlichsten Kanälen medial vermittelte Kommunikation markiert – nach der Erfindung der Schrift, des Buchdrucks und der Entstehung der Massenmedien – die vierte kommunikative Revolution. Digitalisierung schafft nicht nur Raum für Neues, sondern verändert das Alte zugleich unumkehrbar mit. Die Fenster und Türen geschlossen zu halten, wird deshalb wenig nutzen. Aber wir können Regeln aufstellen für das neue Zusammenleben und unsere (gedanklichen) Häuser so um- und ausbauen, dass sie für die Energieströme der Zukunft gerüstet sind – und wir an kalten Tagen dennoch gemütlich um den alten Ofen herumsitzen können.

 

Auswirkungen der Digitalisierung

„In ist, wer drin ist“

– dieser Trend wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht unmodern. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft  ist kein evolutionärer Prozess, sondern tatsächlich eine alle Individuen und Organisationen betreffende Revolution. Doch werden durch den Umbruch der medialen, technologischen und sozialen Kommunikation die Systeme als Ganze auch klüger? Oder zumindest innovativer? Wie verändert sich das Wissen quantitativ und vor allem qualitativ, und wo wird es gespeichert? Wer kann noch entscheiden, welche Reichweiten sinnvoll sind, welche Funktionen genutzt und welche Effekte eher eingedämmt werden sollten? Was bedeuten die virtuelle Kommunikation und Kooperation für den Einzelnen, wie arbeitet es sich in der Cloud, als ganz realer Mensch? Wer oder was agiert als Treiber und Gestalter, wer oder was bleibt freiwilliger oder unfreiwilliger Empfänger oder Konsument? Inwieweit sind also individuelle Abwägung und Positionierung überhaupt noch möglich, z.B. in Form einer internetfreier Phase der Adoleszenz?

Wenn es sicher ist, dass die Digitalisierung unser soziales Miteinander im Kern verändert, so sollten wir auch mitentscheiden können, wohin die Reise geht. Der Auftrag geht an die Akteure in Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Politik, und irgendwie auch an jeden Einzelnen von uns, wenn wir den den Anspruch an ein selbst gestaltetes soziales Leben aufrecht halten. Um diese Gedanken und Handlungsfelder zu sortieren, vor allem aber auch erst einmal zu formulieren, befinden wir uns aktuell – hätten Sie´s gewusst? – im Wissenschaftsjahr der Digitalisierung. Das vom Bundesbildungs- und Forschungsministerium initiierte Projekt will die Perspektiven der digitalen Kommunikation, des digitalen Wissens und der digitalen Wirtschaft ausloten und breit  diskutieren. Digitalisierung soll zugleich vorangebracht und hinterfragt, das bereits Selbstverständliche kommuniziert und zugleich neu gestaltet werden. Ob das gelingen kann? Tatsächlich bestünde darin die wichtigste Prämisse: durch das Verstehen der Digitalisierung ihre Möglichkeiten so zu nutzen, dass wir als Einzelne und als Gesellschaft besser (ob nun innovativer oder klüger sei noch dahin gestellt) und nicht (ob unseres verständnislosen Mittrottens) gemeinsam blöd.

 

Auswirkungen der Digitalisierung

Wohin führt also die Digitalisierung und was bringt sie für unser alltägliches Leben? Dazu führte dazu das Institut für Demoskopie Allensbach im Januar diesen Jahres 1.515 Face-to-Face-Interviews mit dem sogenannten repräsentativen Querschnitt der über 16-Jährigen durch. Die Einschätzung: durchaus offen. Die Aussichten: eher gemischt. So wird einerseits eine deutliche qualitative Verbesserung der Nutzungsmöglichkeiten und Sicherheitsstandards erwartet, die über eine größere Partizipation, bessere Zugänglichkeit und maximale Verfügbarkeit von Wissen die allgemeine Bildung durchaus vergrößern können (42 %). Womöglich effektiviert auch die Digitalisierung des Unterrichts im schulischen und akademischen Bereich die Lerneffekte der Schüler und Studierenden (51 bzw. 48 %). Zugleich stimmen jedoch 64 % der Befragten der Aussage zu, dass dieses ständig verfügbare Informationsangebot insgesamt dazu führt, „dass die Menschen weniger lernen und nachdenken“ werden. Das sollte zumindest nachdenklich stimmen.

Die Zukunftsprognose zielt auf die nächsten 10 Jahre, wir haben also noch ein bisschen Zeit, diese zu differenzieren oder besser zu beeinflussen. Bestehendes – und im Internet schnell auffindbares – Wissen gibt es dazu bereits: So hat der Systemtheoretiker und Soziologe Niklas Luhmann, der sich intensiv mit der Entwicklung von Medien in der Gesellschaft und der Gesellschaft durch die Medien befasst hat, bemerkt, dass wir uns grundsätzlich in einer Situation der Überforderung durch neue Medien befinden, auch wenn wir diese  selbst aktiv kreiert haben. Da grundsätzlich jedes neue Kommunikationsmedium unendlich viel mehr Möglichkeiten bereitstellt, Informationen zu finden, zu speichern und zu vermitteln, als der Einzelne bzw. die Gesellschaft jeweils verarbeiten kann, hinkt unser Begreifen den Möglichkeiten, uns auszudrücken und auszutauschen, stets deutlich hinterher. Für die nachhaltige Verbreitung und Etablierung neuer Medien müssen deshalb gleichzeitig neue Orientierungs- und Sortierungsinstrumente entwickelt werden, mittels derer das jeweils Mögliche auf das Bearbeitbare reduziert werden kann. Sowohl das Auftreten der Veränderungen als auch der Umgang damit sind – so beschreibt es Luhmann in der Entwicklungslogik menschlicher Gesellschaften – immer sozio-kulturell determiniert, d. h. von einer sehr unterschiedlichen Dynamik, je nachdem wie viel Neues eine soziale Formation zuzulassen oder aktiv zu entwickeln vermag. Wenn wir also Grenzenlosigkeit anstreben, so sollte uns zugleich klar sein, dass wir erst ein bisschen klüger werden müssen, um diese zu bewältigen und nicht darauf hoffen, dass dieser Zustand durch das Neue allein irgendwie eintreten wird. Digitalisierung ist ein solcher machtvoller Trend, der weder zu fürchten ist noch ignoriert werden kann. Doch selbst als lässige Smartphone-Verwender, Twittergrößen, Blogger, Social Media-Aktivisten oder Alltagsgoogler sind wir heute noch lange nicht in der Lage, die Chancen der Digitalisierung wirklich zu nutzen und die Risiken zu verstehen. Dazu helfen Aktionen von Politik und Wissenschaft sicherlich ein Stück weit. Die größte Wegstrecke jedoch obliegt jeder Organisation, jeder Familie und jedem Einzelnen allein, nämlich möglichst vieles über Digitalisierung zu lernen, um schließlich durch Digitalisierung – zumindest ein bisschen – klüger zu werden.

Ihre Anja Ebert-Steinhübel

digitale revolution

Gestern Abend fand die 26. Social Media Night im Stuttgarter Mercedes Benz Museum statt. Social Media im Unternehmensumfeld war das zentrale Thema des unterhaltsamen Abends.

Thomas Rathgeb von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg stellte, in einem äußerst interessanten Vortrag, die zentralen Ergebnisse der „JIM-Studie zur Mediennutzung von Jugendlichen im digitalen Zeitalter“ vor. Seit mittlerweile 1998 ermittelt die Basisstudie im jährlichen Turnus Informationen zum Umgang von 12- bis 19-Jährigen mit Medien und Information. Neben einer aktuellen Standortbestimmung sollen die Daten Ansatzpunkte für neue Konzepte in den Bereichen Bildung, Kultur und Arbeit liefern. Allgemeine Entwicklungen und Trends werden kontinuierlich abgebildet und dokumentiert, gleichzeitig werden in den einzelnen Untersuchungen spezifische Fragestellungen realisiert, um aktuelle Medienentwicklungen aufzugreifen.

Für die JIM-Studie 2012 wurden rund 1.200 Jugendliche telefonisch befragt. Diese Anzahl gilt als für Gesamtdeutschland repräsentativ.

 

Zentrale Aussagen der JIM-Studie

  • Erstaunlicherweise liegt die Tageszeitung bei der täglichen Mediennutzung von Jugendlichen noch bei 25%. Tageszeitung und Bücher werden demnach auch heute noch öfter genutzt als Computerspiele.
  • Twitter spielt in der Gruppe der Jugendlichen keine Rolle. Nur 4% nutzen das Medium, 80% nutzen hingegen Facebook.
  • Die Medienausstattung und der Zugang von Jugendlichen ist immens: Computer, Handy, TV, Internetzugang – sind nahezu in 100% der Haushalte verfügbar.
Medienverfügbarkeit für Jugendliche im Haushalt.

Quelle: Thorsten Wälde, https://twitter.com/thoschi/status/342333459479535619/photo/1

 

  • Datenschutz wird immer relevanter. Immerhin 87% der Jugendlichen haben auf Facebook die Privacy Optionen aktiviert.
  • Die durchschnittliche Anzahl von Facebook Freunden liegt bei 272. Wenngleich man davon lediglich 17 ein Geheimnis anvertrauen würde.
  • Communities werden im Wesentlichen als Messanger/Nachrichtendienst genutzt. ¾ der Befragten verschicken dort hauptsächlich Nachrichten.
  • 78% der Jugendlichen geben an, daß Sie das Internet für potentiell gefährlich halten.

    Aussagen zum Internet

    Quelle: Jürgen Bühler, http://pic.twitter.com/keK4ZWkfYc

 

Grafiken und Diagramme teils schwer lesbar

Natürlich beinhaltet die gesamte JIM-Studie noch massenhaft wertvolle Aussagen. Viele Diagramme und Schaubilder erschließen sich allerdings erst auf den zweiten Blick. Sie könnten im Sinne der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Informationsdesign (s. RUBIN-Methode) sicher aussagekräftiger aufbereitet werden.

> Hier kann die JIM-Studie 2012 heruntergeladen werden

Die neue Studie erscheint im November 2013, aktuell laufen die Befragungen für die diesjährige Ausgabe.

 

Handlungsbedarf für Unternehmen

Aus Unternehmersicht bleiben nicht viele Schlussfolgerungen. Neue und soziale Medien müssen in Unternehmen berücksichtigt werden. Neben naheliegenden werblichen und vertrieblichen Chancen, liegen vor allem in der Gewinnung von digital nativem Nachwuchs (Personal und Kunden) hier große Potenziale verborgen. Es ist an längst an der Zeit Zweifel über Bord zu werfen und sich mit Möglichkeiten sowie rechtlich organisatorischen Grundlagen zu befassen (Social Media Guidelines, BYOD=Bring your own Device, Enterprise 2.0, many to many Kommunikation etc.). Die Erfolgsgfaktoren sind Motivation, Vertrauen und ein Vorleben auf höchster Unternehmensebene.

Dazu 3 Aussagen aus dem ebenfalls großartigen Vortrag von Jan Westerbarkey (CEO von Westaflex) zum Thema Enterprise 2.0:

„Oldschool und neue Medien – 2 Dinge die dringend zusammen gehören“

„Social Media ist gelebte Qualitäts- bzw. Kundensicherung!“

„Menschen mitnehmen – das ist die Hauptaufgabe der Führungskraft der Zukunft“

 

Man darf gespannt sein wie sich das Thema weiterentwickelt, auch aus Business Sicht. Fakt ist, das Aufwachsen, Lernen, Informieren und Kommunizieren der Jugendlichen unterscheidet sich dramatisch zu den Gegebenheiten in denen wir aufwuchsen.

 

Mark Josenhans